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Prag

Dirk Poldauf berichtet aus Prag

Vom 27. April bis zum 5. Mai treffen in Prag 32 der besten Spieler der Welt aufeinander, um um die Eurotel-Trophäe zu kämpfen. Mit von der Partie sind u.a. die drei Führenden der Weltrangliste, Garri Kasparow, Wladimir Kramnik und Viswanathan Anand, sowie die beste Frau Judit Polgar. Gespielt werden bis zum Halbfinale Schnellschachmatche im K.o.-System. Zunächst erhält jeder Spieler in 25 Minuten Bedenkzeit bei fünf Sekunden Bonus pro Zug. Im Falle eines Unentschiedens werden Blitzpartien gespielt. Das Finale wird mit klassischer Bedenkzeit bestritten. Der Preisfonds beträgt 500.000 Euro.

Die von Bessel Koks Vereinigung Online World Chess organisierte Veranstaltung findet im Zofín Palást, Slovanský ostrov 226, Prag 1, statt. Der Eintritt ist frei, es mussten jedoch im Vorfeld Karten erworben werden. Wie die Veranstalter mitteilen, sind inzwischen alle Eintrittskarten vergeben worden.

Offizielle Seite: www.worldchesstrophy.cz
Berichterstattung auch auf: www.kasparovchess.com
Partien im pgn-Format: eurotel.pgn

Finale (4./5. Mai)

Viswanathan Anand (Ind) - Anatoli Karpow (Rus) 1-0, remis

Halbfinale (2.5.)

Iwantschuk (Ukr) - Anand (Ind) remis, remis, Stechen 0,5-1,5
Karpow (Rus) - Schirow (Spa) remis, remis, Stechen 2-0

In einem verbissen geführten Match behielt Anatoli Karpow gegen Alexej Schirow die Oberhand. Entscheidend war sein Schwarzsieg in der ersten Partie des Tiebreaks, der im V.I.P.-Raum einige Wellen schlug. Selbst Kasparow, mit Baseball-Kappe, bereicherte die Diskussion eifrig mit interessanten Zugvorschlägen.

Den Rest sah ich mir dann wieder im Spielsaal an. Tolja hatte mit Weiß keine große Mühe, das fehlende Remis  (bzw. letztendlich den ganzen Punkt) unter Dach und Fach zu bringen. An der frischen Luft galt sein erster Griff dem Handy. "Ich bin im Finale gegen Anand!", meldete er seinem Gesprächspartner und disponierte sofort irgendeinen Termin für Montag und regelte irgendeinen Flug Frankfurt-New York.

Ob er etwas für "Schach" kommentieren könne, fragte ich ihn. "Ich denke ja, ich bringe die Analyse dann nach Leipzig mit", sagte er und stieg in den auf ihn wartenden Wagen. "Gegen Kramnik und vielleicht was vom Finale?" - "Ja, mal sehen wie das Finale läuft", rief er und entschwand. Anatoli Karpow ist als Ehrengast zum DSB-Jubiläumskongress in Leipzig eingeladen, der in wenigen Tagen beginnt.

Das Finale Karpow-Anand wird über zwei Partien im klassischen Schach ausgetragen plus eventuellem Tiebreak. Am Montag findet dann ein Meeting statt, auf dem die Zukunft des Weltschachs diskutiert wird. Bessel Kok, der belgische Geschäftsmann, der auch das Eurotel-Turnier von Prag organisierte, wird mit einem eigenen Vorschlag aufwarten. Ob die französische Milliardärin Nahed Tala Ojjeh, die das Weltschach sponsern will, an die Moldau kommt, wusste Kok noch nicht zu sagen. Die meisten Spieler, die Kost und Logis bis Montag frei haben, sind in Prag geblieben.

"Man soll nicht zu viel erwarten, als werde nun der Weltfriede wieder hergestellt", sagte Kok in einem ausgezeichneten Deutsch. Die Versammlung soll nur drei Stunden dauern. Die Erwartungen sind aber nicht eben gering. Auch Fide-Präsident Iljumschinow kommt, den der Belgier bisher noch nicht kennen lernen konnte. Ob das Meeting von Montag historisch wird, bleibt abzuwarten. Jedenfalls wird es auch in "Schach" 6/2002 ein wichtiges Thema sein. Dazu gibt es eine Menge vom Prager Schnellturnier der Superlative zu berichten, das eine Reihe großer Überraschungen und spannendes Schach brachte.

Viertelfinale (3. Runde) am 1.5.

Heute wurde bei der Eurotel World Chess Trophy eine neue Disziplin kreiert - Blindschach für Zuschauer. Nicht zum ersten Mal fiel die Technik aus. Vom Tiebreak zwischen Kasparow und Iwantschuk war somit praktisch nichts zu sehen. Zum Glück war an den jeweiligen Reaktionen Kasparows die Lage auf dem Brett genau abzulesen. Einmal zuckte er besonders stark zusammen.

Wassili, der kurz ins Pressezentrum hinunter kam, bestätigt mir gerade, dass Kasparow einen relativ klaren Fehler gemacht habe. Es wurde Spanisch gespielt, sagt der Ukrainer, der seine Züge selbstbewusst ausführte. Dann gab Kasparow auf und verschwand sogleich hinter der Bühne. Riesenapplaus des tschechischen Publikums für Iwantschuk.

Allerdings waren viele schon vor dieser entscheidenden Blitzpartie abgewandert. Nichts zu sehen ist eben nicht jedermanns Sache. Mindestens mit einer Ausnahme: Artur Jussupow zeigte sich von dieser Neuerung hellauf begeistert und stellte die entscheidenden Szenen noch einmal gestisch nach. Aber dennoch: Die technischen Probleme sind ein ernsthafter Makel dieser Veranstaltung.

Iwantschuk trifft morgen in der Neuauflage des WM-Halbfinales von Moskau auf Viswanathan Anand. Der Inder schaltete Ivan Sokolov 1.5-0,5 aus, zeigte aber erstmals im Turnierverlauf Schwächen.

Anatoli Karpow zieht weiter seine Bahnen. Gestern warf er überzeugend Kramnik aus dem Rennen. Heute eliminierte er Alexander Morosewitsch. In der ersten Partie stand Tolja allerdings glatt auf Verlust. Moro wollte es zu genau machen und verrechnete sich dramatisch. Im Damenendspiel setzte sich Karpow dann durch. Auch hier Bildausfall. Trotzdem faszinierend zu beobachten, wie die russischen Matadore minutenlang bis aufs Blut zockten. "Kann passieren", meinte Moro zur ersten Partie, aber er sah nicht glücklich dabei aus.

Eine Neuauflage des WM-Viertelfinales gab es zwischen Schirow und Topalow, darauf wies Alexej im nachinein hin. Topalow hat seinen Schirow-Komplex seitdem noch nicht abgestellt. Schmerzlich sein Figureneinsteller in leicht besserer Stellung. Es ging ein Raunen durch den Saal. Das Publikum litt mit dem verzweifeltem Bulgaren.

Das Halbfinale Schirow-Karpow wird keine Neuauflage von irgendetwas Besonderem, meinte Alexej, der sich nicht an seinen Score gegen Karpow erinnern konnte.

Kasparow und Kramnik sind raus. Wer macht das Rennen?

Gruppe A:

1. Runde (28.4.)

Kasparow (Rus) - Milos (Bra) 1-0, 1-0
Ye (Chi) - Polgar (Ung) 0-1, 1-0, Stechen 0,5-1,5

Gelfand (Isr) - Seirawan (USA) remis, 1-0
Iwantschuk (Ukr) - van Wely (Nie) remis, 1-0

2. Runde (30.4.)

Kasparow (Rus) - Polgar (Ung) 1-0, 1-0
Gelfand (Isr) - Iwantschuk (Ukr) 0-1, remis

3. Runde (1.5.)

Kasparow (Rus) - Iwantschuk (Ukr) remis, remis, Stechen 1-2

Gruppe B:

1. Runde (29.4.)

Kramnik (Rus) - Hracek (Tsch) 1-0, 1-0
Karpow (Rus) - Short (Eng) 1-0, remis

Grischuk (Rus) - Tkatschiew (Fra) remis, remis, Stechen 2-1
Morosewitsch (Rus) - Movsesian (Tsch) remis, 1-0

2. Runde (30.4.)

Eine rein Moskauer Gruppe!

Kramnik (Rus) - Karpow (Rus) remis, 0-1
Grischuk (Rus) - Morosewitsch (Rus) 0-1, 0-1

3. Runde (1.5.)

Karpow (Rus) - Morosewitsch (Rus) 1-0, remis

Gruppe C

1. Runde (29.4.)

Topalow (Bul) - Milov (Swz) 1-0, 0-1, Stechen 1,5-0,5
Swidler (Rus) - Piket (Nie) 1-0, 1-0

Schirow (Spa) - Gurewitsch (Bel) remis, remis, Stechen 2-0
Barejew (Rus) - Jussupow (D) remis, 0-1

2. Runde (30.4.)

Topalow (Bul) - Swidler (Rus) 1-0, remis
Schirow (Spa) - Jussupow (D) 1-0, 1-0

3. Runde (1.5.)

Topalow (Bul) - Schirow (Spa) remis, 0-1

Gruppe D

1. Runde (28.4.)

Anand (Ind) - Timman (Nie) 1-0, 1-0
Khalifman (Rus) - Bologan (Mol) 1-0, remis

Leko (Ung) - Sokolov (Bos) remis, remis, Stechen 0,5-1,5
Adams (Eng) - Radjabow (Ase) remis, remis, Stechen 1,5-0,5

2. Runde (30.4.)

Anand (Ind) - Khalifman (Rus) 1-0, 1-0
Sokolov (Bos) - Adams (Eng) 1-0, remis

3. Runde (1.5.)

Anand (Ind) - Sokolov (Bos) remis, 1-0

Im Halbfinale treffen die Sieger der Gruppen A und D bzw. B und C aufeinander.

 

Exzelsior Verlag: Nachrichten: Turnierberichte: Prag Schnellturnier
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