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Stirbt das klassische Schach?

Von Raj Tischbierek

'Hängepartie' - ein Wort, welches Eingang in den deutschen Sprachschatz gefunden hat. Im Zusammenhang mit seinen Ursprüngen - dem Schach - ist es heute jedoch seltener anzutreffen als in Bundestagsdebatten. Als der Abbruch der Partien vor gut zehn Jahren radikal abgeschafft wurde, war Michail Botwinnik der Einzige, der warnend den Zeigefinger hob, damit gehe ein wichtiger Bestandteil des Schachs verloren. Der Patriarch würde sich im Grabe umdrehen, wenn er die jüngsten, weit darüber hinaus gehenden Entwicklungen noch miterleben müsste.

Nach Gutdünken verkürzt die Fide-Allgewalt Kirsan Iljumschinow seit geraumer Zeit die Bedenkzeit des klassischen Schachs, und bei einem Fortschreiten dieses Trends wird eine Partie in zehn Jahren nicht mehr länger währen als ein 10.000-m-Lauf. Und Iljumschinows Getreue folgen ihm trotz massivster, auch in Schach von zahlreichen Weltklassespielern immer wieder thematisierter Bedenken nach. So war in einer Pressemitteilung des Deutschen Schachbundes vom 21. Januar dieses Jahres zu lesen: "In vielen Vereinen wird die FIDE-Bedenkzeitregelung diskutiert. Die Erfahrungen der Spieler bei der letzten Deutschen Einzelmeisterschaft ergab (sic) nach Angaben von Reinhold Kasper, dass die neue Regelung der FIDE durchweg positiv beurteilten (sic) wird. Langfristig wird sich hier etwas ergeben, vielleicht zur übernächsten Deutschen Meisterschaft 2004."

Durchweg positiv? Ich war bei der Deutschen Meisterschaft mit von der Partie und meine die Bedenkzeit betreffenden Gespräche ergaben ein nahezu gegenteiliges Bild. Um sicher zu gehen, sprach ich in den letzten Wochen mit 21 der 42 Teilnehmer der Deutschen Meisterschaft und dokumentierte ihre Aussagen. Vor die Wahl gestellt, die bei der Weltmeisterschaft in Moskau praktizierte Bedenkzeit (90 Minuten für die gesamte Partie zuzüglich 30 Sekunden Bonus pro Zug) mit "sehr gut", "gut", "keine Angaben aufgrund mangelnder Erfahrungen oder Desinteresses", "schlecht" bzw. "sehr schlecht" beurteilen zu müssen, entschieden sich 2 (10%) für "gut", 3 (14%) wollten "keine Angaben" machen, 6 (29%) befanden die neue Regelung für "schlecht" und 10 (48%) für "sehr schlecht".

Auf meine Anfrage bei DSB-Sportdirektor Reinhold Kasper, welchen Gesprächen seine Aussage zugrunde liege bzw. ob er vielleicht falsch zitiert worden sei, erhielt ich keine Antwort. Andere deutsche Schachzeitschriften haben die o. g. Pressemitteilung inzwischen im Originalwortlaut veröffentlicht. Sollte in zwei Jahren also immer noch Protest laut werden, wird es heißen: "Schließlich habt ihr es doch selbst so gewollt!" All das einmal mehr in schönster Fide-Tradition, auch Iljumschinow und seine Handlanger tönen trotz lautester gegenteiliger Beweise immer wieder, welch wunderbaren Modus sie nun gefunden hätten. Und das mit einer Intensität, als hätte jemand auf die Zerstörung des Schachs in seiner klassischen Form eine Prämie ausgesetzt.

Die Nachteile der Bedenkzeitverkürzung liegen mit dem rasanten Verlust an Qualität auf der Hand. Macht das Nachspielen und Verstehen der eigenen und der Partien der Großen nicht einen Teil der Faszination des Schachs aus? Und geht diese Faszination nicht verloren, wenn künftig physische Faktoren immer mehr Einfluss gewinnen und die Qualität zunehmend unwichtiger wird? Die Partien zwischen Ponomarjow und Iwantschuk mehren das Kulturgut des Schachs definitiv nicht und auch nicht die zehn Blitzpartien zwischen Kasparow und Kramnik, die mit New In Chess eines der renommiertesten Schachmagazine der Welt in seiner jüngsten Ausgabe analysierte. Sieht so die Zukunft aus?

Vorteile? Iljumschinow & Co. träumen vom Schach als Teil der Olympischen Spiele. Gut, aber was spricht gegen das bisher praktizierte Nebeneinander von "Normal"- und Schnellschach? Fernsehen? Nein, das wird sich des Schachs auch nicht annehmen, wenn man die Zeiten weiter drückt. Zumal das Internet längst als ideales Medium ausgemacht ist. Was also, Schachfunktionäre aller Länder, ist eure Triebfeder? Denn machen wir uns nichts vor, obwohl sich Wijk aan Zee, Linares und das Gros der Spieler selbst noch lange wehren mögen: Das einzige, was in der Schachwelt Bestand hat, bleibt trotz aller Inkompetenz der Weltschachbund, die Fide!

Das hat auch Kasparow erkannt, der sich resignierend in der Bedenkzeit-Diskussion zu Wort meldete. Sein Appell an die Spitzenspieler, Veranstaltungen mit verkürzter Bedenkzeit wie die Weltmeisterschaft in Moskau künftig schlichtweg zu boykottieren, wirkt angesichts des sozialen Gefüges allerdings noch wirklichkeitsfremder als der Wunsch, eine neue Spielerorganisation ins Leben zu rufen. Mit wem, zum Teufel, soll man heute in der Schachwelt eigentlich noch sympathisieren? Aber das wäre ein Stoff für Schachgedanken anderer Natur.

(Nachdruck aus Schach 3/2002)

 

Exzelsior Verlag: Nachrichten: Schach-Gedanken: Klassisches Schach
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