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Es ist uns aus Platzgründen nicht immer möglich, die Briefe unserer Leser in vollem Umfang in der Zeitschrift Schach abzudrucken. Da wir uns aber über jeden Leserbrief sehr freuen und in jedem viel Arbeit und viele gute Gedanken stecken, möchten wir Ihnen hier die ungekürzten Meinungen vorstellen.
Möchten Sie einen Kommentar zu einem Leserbrief abgeben oder selbst einen schreiben? Dann senden Sie uns einen Brief oder eine Email an Exzelsior Verlag, Leuschnerdamm 31, 10999 Berlin bzw. an unsere elektronische Adresse info@exzelsior.de. Vielen Dank!
- Schach und Doping
- Schacholympiade in Dresden
Eine Immergrüne, gespielt in Sperrejahren?
Vor der Analyse ein Gefühlsausbruch:
Pharmakonzerne, freut euch nicht zu früh! Wahre Meisterinnen und Meister
werden sich zur Leistungssteigerung weder Eigenblut spritzen noch ambivalent
wirkende Stoffe einnehmen. Eher meiden sie künftig Verbrennungsmotore
und Feinstaub, als dass sie den Versprechen des Neuro-Enhancing trauen.
Jene Organisatoren, die ohne Verständigung mit den Aktiven, ja selbst
ohne hinreichende Klärung praktischer und juristischer Fragen die Dopingkontrolle
ins Schachleben einführen, möchte man an den Schultern packen und
durchrütteln: Welcher Teufel hat euch geritten? Statt der Öffentlichkeit
das Wesen des Schachs näher zu bringen, unterstellt ihr ohne Anlass eine
reale Gefahr des Wirkstoffbetrugs im Schachwettkampf und setzt die Würde
eines Kulturzweigs aufs Spiel! Und dann dreht einer von euch den Spieß
um, spricht von gesellschaftlichem Interesse und unterstellt Kritikern Individualismus!
Dies auch gegenüber einem so verdienstvollen Angehörigen des Deutschen
Schachbundes wie Großmeister Hübner, der auf einen gefährlichen
Prozess in der Gesellschaft aufmerksam macht. (Zumindest er darf eine Entschuldigung
erwarten.) Vielleicht das Erstaunlichste angesichts eines historischen Einschnittes:
Obwohl die Dopingkontrolle Anfang 2009 einsetzen soll, erhält die Schachwelt
bisher keine Erklärung zum Beschluss der jüngsten Hauptversammlung:
Wer hat ihn gefordert? Wie wird er begründet? Welche Vorstellungen vom
Schach liegen ihm zugrunde?
Wurden Hirnforscher und Ärzte konsultiert?
Geriet der DSB in eine (vermeintliche) sportpolitische Zwangslage?
Welche Argumente wurden auf der Hauptversammlung ausgetauscht?
Welchen Aktivenkreis soll die Kontrolle betreffen? Wie weit greift sie in
den Lebens- und Arbeitsrhythmus und die Privatsphäre ein? Welche Strafe
ist im Fall verweigerter Unterwerfung vorgesehen? Wie ist zu verhindern, dass
sich abstrakte Rechtsprechung in Unrecht verkehrt?
Nun besorgt, aber ohne Zorn zur Sache.
1. Athletensport, Schach und die Olympischen Spiele
Wenn ich es richtig verstehe, steht der DSB-Beschluss im Zusammenhang mit
dem Bestreben der gegenwärtigen FIDE-Führung, Schach zum Bestandteil
der Olympischen Sommerspiele zu machen. Unklar ist, inwieweit der Deutsche
Olympische Sportbund (DOSB) angesichts seiner Definition von Sport, die Schach
ausschließt, diesen Wunsch unterstützt. Wenn sich der IOC-Präsident,
wie zu hören ist, distanziert verhält, so meines Erachtens keineswegs
nur aus organisatorischen Gründen. Möglicherweise ist er mit Schach
gut vertraut und achtet seine eigenständigen Traditionen. Mit Sicherheit
aber versteht Jacques Rogge, dass Schachkämpfe eine andere Art des Kontaktes
mit dem Publikum verlangen als athletische Wettbewerbe. Da Schach ein viel
tieferes, angestrengteres und anhaltenderes Mitdenken fordert, eignet es sich
wenig für bloßes Zuschauen und Schau-Berichterstattung. Es mag
durchaus interessant sein, die äußeren Regungen der Partner am
Brett zu beobachten. Entscheidend aber ist nun einmal das Unsichtbare, das
sich in ihren Köpfen abspielt und als Resultat in der Figurenbewegung
hervorscheint. Dieses äußerlich nicht allzu reizvolle Geschehen
bietet dem IOC kaum Chancen, den Vermarktungsgewinn der Olympischen Spiele
weiter zu steigern. Wenn die FIDE und angeschlossene Verbände dennoch
mit der Einführung von Dopingkontrollen Schach als reif für die
Sommerspiele erscheinen lassen möchten, so ist das mit großer Wahrscheinlichkeit
vergebliche Mühe.
Umso mehr, als Athletensport und Schach unterschiedlichen Sinn haben. Dabei
geht es keineswegs nur um die verschiedene Gewichtung des körperlichen
Einsatzes (auch beim Schachkampf arbeitet der gesamte Organismus mit).
Leicht- und Schwerathleten vollbringen außergewöhnliche Leistungen.
Im Beifall für ihre Rekorde feiert sich die Menschheit: Da unsere Fähigkeiten
in vielerlei Hinsicht den Möglichkeiten anderer Lebewesen nachstehen,
stärken grenzüberschreitende athletische Triumphe unser Selbstbewusstsein.
Diese Taten wie auch Leistungen in anderen athletischen Disziplinen (vielleicht
mit Ausnahme von Ansätzen der ballettnahen Eislaufkür) bedeuten
allerdings nicht, dass der Athletensport bleibende Werke schafft ? man lese
bitte nicht: Werte.
Wenn Siegbert Tarrasch feststellte: "Der eigentliche, feinste Reiz des
Schachspiels liegt darin, dass man dabei geistig produktiv ist", so ist
dieses Produktiv-Sein wörtlich zu nehmen. Schachmeister schaffen Werke.
Zug um Zug verzahnen die miteinander kämpfenden Partner ihre Argumente
zu einem reproduzierbaren Ganzen. (In seinem schachlichen Testament "Wie
Wanja Meister wurde" vergleicht Emanuel Lasker das Schachspiel mit dem
Redestreit.) Das Werk kann zu "Abfall" geraten. Aber oft erweist
es sich, ungeschädigt von Blackouts, für tausende oder Millionen
Menschen als nachspielenswert. Und in Sternstunden entstehen Meisterstücke,
die noch Jahrhunderte später Genuss bereiten und begeistern, seien es
Shortstorys oder Dramen in fünf Akten.
Man mag gewisse Analogien zwischen Schach und athletischen Zweikampf-Sportarten (Boxen, Ringen) oder Mannschaftsspielen bemerken; Fussballreporter sprechen von "Rochade" und fälschlich von "Rasenschach"; man kennt den "Angriff auf beiden Flanken" und den "Durchbruch im Zentrum" nicht nur beim Schach. Aber die Gemeinsamkeiten berühren nicht den Wesenskern des Schachs. Sein werkschaffender Aspekt warf bekanntlich sogar urheberrechtliche Fragen auf - siehe die erwähnte Erzählung Laskers und Anläufe Hübners. Beim Athletensport war davon nie die Rede; hier ist offenbar der Spielraum für Schöpfertum begrenzter. (Am weitesten gespannt ist er wohl beim Turnen und bei Künstlerischer Gymnastik. Bei Ball- und Puckspielen erscheint er manchem ungeachtet von Trainerintelligenz und Spielwitz nervend eng.)
Mit dem werkschaffenden Charakter des Schachs ist eine weitere Besonderheit verbunden. Wie Athleten trainieren auch Schachmeisterinnen und -meister vor dem Wettkampf. Aber sie tun mehr: sie forschen. Sie erschließen ständig neue Wege der Auseinandersetzung auf den 64 Feldern - ein Ende ist vorerst nicht abzusehen. Sie suchen Initiative versprechende Ideen für Eröffnung und Mittelspiel und lösen ungeklärte Endspielfragen. Falls sportartspezifische Forschung das Training der Athleten begleitet, so ist der Sportler hieran nicht unbedingt persönlich beteiligt. Der ernsthafte Schachkämpfer befindet sich hingegen in einem unablässigen Erkundungs- und Schöpfungsprozess, annähernd vergleichbar mit dem Schaffensprozess eines Schriftstellers oder der Arbeit des Wissenschaftlers. Dabei ist es zweitrangig, ob sich ein Großmeister auf Computer und Helfer stützt - ohne eigenes Schöpfertum keine stimulierende Freude und kein dauerhafter Erfolg.
(Dass neben das beschriebene Erkunden - Hübner nennt es Problemlösen - in einem entwickelten Land philosophische, kulturhistorische, pädagogische, trainingsmethodische und medizinische Schachforschung tritt, versteht sich. Einen Einblick gewährte in den 80er Jahren die Rubrik Schachakademie der Zeitschrift Schach.)
Fazit: Schachspieler und Athleten (weibliche Wortformen mitgedacht) mögen sich im Olympischen Dorf gut vertragen, ein enges Beieinander beim Wettkampf aber brächte vermutlich keiner Seite Gewinn. Auch dem Publikum nicht. Der Sinn ihrer Betätigung und ihre Beziehung zum Publikum sind zu verschieden - sie leben nicht auf demselben Stern und atmen nicht dieselbe Atmosphäre.
2. Ist Schach Sport?
Auf einem anderen Blatt steht die Frage, ob Schach Sport ist. Sie erledigt
sich natürlich nicht mit dem Verweis auf die DOSB-Definition. Mir gibt
zu denken, dass Lasker im erwähnten "Testament" zu Schachfragen
das Wort "Sport" lediglich im Kontext mit Athletik und einer Moskauer
Örtlichkeit verwendet. Dennoch: Da "Sport" auch schlicht ein
System von Wettkämpfen bedeutet, habe ich mich bisher durchaus (auch)
als "Schachsportler" gefühlt und ansatzweise entsprechend zu
leben versucht.
Jacques Mieses sah im Schach "nur dem Namen nach ein Spiel": "in
der Bedeutung seines geistigen Inhalts ... erhebt es sich zur Höhe künstlerischer
Betätigung." Er begründete dies ähnlich wie Botwinnik
im Essay "Ist Schach eine Kunst?", die den Gegenstand der (angenommenen)
Schachkunst zu bestimmen suchte. Zugleich betonte Mieses:
"Nun hat das Schachspiel noch eine zweite Seite, und zwar eine solche,
die mit der Kunst gar nichts zu tun hat. Das Schach ist ein Kampfspiel; es
gilt, einen Gegner zu besiegen, und dieser Kampf muss natürlich durch
gewisse Gesetze und Vorschriften geregelt sein. Die Kämpfe der Schachmeister
in der modernen Form der Turniere und Matche haben daher notwendigerweise
einen durchaus sportlichen Charakter angenommen. Der Künstler kann arbeiten,
wann und solange er dazu aufgelegt ist. Der Schachmeister muß, gleichgiltig,
ob in guter oder schlechter Verfassung, am festgelegten Tag antreten und die
ganze Partie hindurch in jeder Stunde eine vorgeschriebene Anzahl von Zügen
machen. Und wird er eher müde als sein Gegner, so beweist dies nur, dass
er weniger ,Stehvermögen' als dieser besitzt, also sportlich der Schwächere
ist. Mit einem Wort: Das Schachspiel stellt eine Vereinigung von Kunst und
Geistessport dar." (Der hier zitierte, nach wie vor aktuelle Artikel
"Amateur und Berufsspieler im Schach" ist nachlesbar bei H. Wieteck:
Meister Mieses. [...] Ludwigshafen 1993.)
Aus dieser Sicht verdient Schach Sportförderung, und dies selbstverständlich auch dann, wenn es seine eigene "Olympiade" behält.
3. Müsste der Schachspieler gegnerische Stimulation fürchten?
Bleibt noch die interessante Frage Robert Hübners: Muss ich es als unsportlich,
als Erschleichung eines unzulässigen Vorteils ansehen, wenn sich der
Gegner in möglichst gute Verfassung bringt? Er verneint die Frage, weil
es ihm um die Qualität der Partie zu tun ist und er aus ihr lernen möchte.
Ich stimme ihm zu, vorausgesetzt, die benutzten Mittel und Verfahren dienen
dauerhaft der Gesundheit. Enhancer dürften kaum hierzu gehören.
Wer sich's leisten kann, nimmt wie Kasparow Kaviar. Die Hauptsache ist freilich
zurzeit, das Übel verbrauchter Luft in Wettkampfstätten zu beenden.
Wohlklimatisierte, augenfreundliche Schach-Kulturhäuser in Deutschland,
für jung und alt, Amateure wie Berufsspieler, Mannschaftskämpfe
und Turniere, für Außenstellen der Schachakademie und für
Foren zu Verbandsbeschlüssen - wäre das nicht eine Idee fürs
Krisenprogramm der Regierung?
Zum Schluss ein Gruß von Leipzig nach Österreich. Vielleicht,
liebe Frau Galambfaly, wird dereinst ein Vermerk zu einem Partieabdruck an
den Beginn des 21. Jahrhunderts erinnern:
Eine immergrüne Partie, gespielt in Sperrejahren.
Viel Freude am Schach in kafkaesker Zeit! Das Spielen kann man ja niemandem
verbieten, und einer Sauberen schon gar nicht!
Dr. Gottfried Braun
Deutscher Seniorenmeister 1995
Was für ein Reinfall!
Ein Leserbrief eines Teilnehmers am Deutschland-Cup in Dresden
Dresden, alles schwärmt von Dresden, und ich kann?s nicht verstehen.
Als ich das erste Mal von der Schacholympiade in Deutschland erfuhr, konnte
ich mit der Information überhaupt nichts anfangen. Dann bekam ich durch
die Medien, Trainerlehrgänge, Turnierteilnahmen und letztlich durch die
Teilnahme an der Ersten Meisterschaft der Schachlehrer in Frankfurt/Main eine
ungefähre Vorstellung, von dem, was da auf mich zukommt. Zuerst einmal
zu mir: Mein Name ist Carsten Stelter und ich trainiere als Vereinsvorsitzender
eines kleinen Vereins so etwa 25 Nachwuchsspieler in einer Schach- AG. Mit
dieser Tätigkeit ist auch die Planung, Organisation, Durchführung
oder nur die Teilnahme an Turnieren im Nachwuchsbereich verbunden. Und so
begannen die Vorbereitungen auf die Olympiade mit dem Partnerschulprojekt
und den vielen anderen Vorbereitungen auf dieses Großereignis.
Ich kann mich nur den Ausführungen von Kirsten Siebarth und dem großartigen
Björn Lengwenus anschließen, denen ich im übrigen auch im
Kongresscenter oder in der world of chess meine Aufmerksamkeit schenken durfte,
und meine Enttäuschung, was den Nachwuchsschach betrifft, ausdrücken.
Nun zu meinem kleinen Erfahrungsbericht als Teilnehmer vom Deutschland- Cup:
Ich machte mich nun, obwohl ich Mühe hatte, noch eine weitere Nacht so
kurzfristig zu
buchen, auf den Weg nach Dresden. Wer es nicht weis, der Veranstaltungsplan
war seit
März bekannt und wurde dann zwei Wochen vor Beginn mindestens dreimal
in seinen
Inhalten und seinem Zeitplan verändert.
Die Fahrt war völlig entspannt und ich war voller Erwartungshaltung,
auf das Großereignis,
welches mich erwarten würde. Aber nun geht's los.
Schön dass es Navigationsgeräte gibt, welche sich auch wöchentlich
updaten lassen. Nach einer halben Stunde Sucherei habe ich sogar einen preisintensiven
Parkplatz gefunden. Dann auf zum Haupteingang der World of chess. Hinter geschlossenen
Türen saß der Wachschutz und winkte mich um das Gebäude herum.
Es wäre wohl zu einfach gewesen, ein Hinweisschild zum eigentlichen Eingang
anzubringen. Am Eingang erwartete mich ein Bratwurststand, welcher offensichtlich
so stark frequentiert wurde, das er warme Bratwürste nicht nur einmal
aufwärmte und die Bratwürste auch dementsprechend schmeckten. Aber
was sollte ich machen, es gab ja nichts anderes. Lustig fand ich die Mitarbeiter
des Autoherstellers Saab, welche versuchten bei solch niedrigen Temperaturen
und regnerischem Wetter eine Probefahrt mit einem Cabriolet im Dunkeln an
den Mann zu bringen. Aber das nur nebenbei.
Im Eingangsbereich liefen noch die Vorbereitungen für unsere Ankunft,
obwohl diese schon
eine Stunde später Geschichte sein sollte. Nach kurzer Suche, fand ich
dann den Tisch mit den Anmeldelisten. Dort ließ ich mich eintragen und
bat um Informationen für den Folgetag. Fehlanzeige! Ich sollte mir Informationen
von den Grabbeltischen nehmen und um Ausgabe bzw. Bekanntgabe zu Turnierbeginn
im Kongresscenter warten. Fazit: Die Anmeldung sowie die Anreise und die damit
verbundenen, völlig unnötigen 50 _ Übernachtungskosten schon
mal für die Katz. Nun gut, auf zum Hotel und für die Auftaktrunde
ausschlafen. Aber vorher lieber mal nach Parkplätzen am Kongresscenter
schauen! Ich wäre ja gern mit dem Bus oder der Straßenbahn gefahren,
aber Tickets und Infos über die Linien sollte es erst am nächsten
Morgen geben. Ausgeschlafen und völlig entspannt kam ich nun im IOC an
und wollte nun Schach spielen. Aber wohin? Selbst der Portier antwortete auf
meine Frage:"Ich glaube da müssen Sie runter!?" Infos im Center;
Fehlanzeige! Na gut, geh ich mal kucken. Unten traf ich dann ein paar alte
Schachfreunde, welche auf das Öffnen der Pforten warteten. Wir lachten
gemeinsam über die Anfangsschwierigkeiten und freuten uns auf die Teilnahme.
Die Türen
gingen auf und wir suchten unsere DWZ- Gruppen bzw. unsere Tische. Wie schon
fast
erwartet, war nichts vorbereitet! Keine Gruppeninformationen, keine Tischnummern
und
keine ersichtlichen Auskunftspersonen. Ein wenig frustriert aber doch beeindruckt,
von der
Größe des Turniersaales warteten wir nun gespannt auf eine Begrüßungsrede
und die vielen Informationen, welche wir noch benötigten. Nun folgte
doch eine kleine Rede, in der man sich auf die Schulter klopfte und uns doch
keine brauchbaren Informationen preisgab. Aber ja; eine: Unsere Jacken sollten
wir gegen Entgelt draußen lassen und Getränke sowie
Verpflegung sollten im Hause käuflich erworben werden. Na toll! Ab der
zweiten Runde
konnten sich dann 1000 Schachspieler an einem Imbissstand anstellen und auf
ihr Essen oder Besteck warten. Und eine Information ließ mich und viele
andere schon vor dem ersten K.O. Spiel explodieren. Da gab man doch wirklich
bekannt, dass alle gelisteten Spieler, wegen Unregelmäßigkeiten
bei der Bahn zum Turnier zugelassen werden und erst hinterher die Selektion
erfolgt. Macht ja nichts, kommen eben mehr Spieler kampflos in die nächste
Runde und die Anmeldung von gestern war somit gegenstandslos..
Ich war fassungslos. Als nächstes musste ich von meinen Schachfreunden
aus Neuruppin erfahren, das der Weg für körperlich benachteiligte
Personen nur durch die ?kalte Küche? zu ertragen ist, da man sonst eine
halbe Stunde brauchte, um in den Turniersaal oder auf Toilette zu gelangen.
Die vorhandenen Transportmöglichkeiten waren zu laut und durften deshalb
nicht genutzt werden. Grandios war allerdings die daraus resultierende Möglichkeit,
ohne Mühe durch die Reihen der V.I.P zu flanieren und so den direkten
Kontakt, auch ohne Gold- Card, zu genießen. Aber wir blieben fair.
Nach der ersten Runde des Tages, und das musste ja fast jeden Tag so sein,
durften wir, auch wenn die Partie noch nicht beendet war, alles abbrechen
und einen kleinen, völlig überfüllten, viel zu dunklen, lärmüberfluteten
und völlig ungeeigneten Raum aufsuchen, um unser K.O. Spiel zu ende bringen
zu können und hinterher noch schnell mal ein paar Blitzpartien zum eindeutigen
Sieg durchziehen zu müssen. Gern brachte man ja das Verständnis
auf, die Bretter gut zwei Stunden vor Turnierbeginn der ?Großen? zu
räumen, wenn auch nur noch 10 min zu spielen waren. Es wäre nur
toll gewesen, wenn die vielen Freizeitspieler oder Nebenveranstaltungen im
gleichen Raum ein wenig später angefangen hätten zu spielen. Aber
wir sind ja nun schon Erwachsene und kommen mit so manch einer Situation schon
irgendwie klar. Ich weiß nun bloß nicht, wo die vielen Nachwuchsspieler
in den Gruppen 0 bis 1400 DWZ zwischendurch etwas zu essen bekamen. Wahrscheinlich
illegal, durch das mitbringen eigener Verpflegung. Wo wir schon einmal beim
Thema illegal oder strafbar sind, hätte ich ja noch so ein paar Kleinigkeiten,
welche zusätzlich zu Bluthochdruck führten. Nicht nur die starke
Einschränkung zur Erledigung der Notdurft führten zur ständigen
Überschreitung der Hausordnung, nein die Benutzung von lautlosen Mobiltelefonen
führten nicht nur zum Spielverlust sondern bis zum Hausverbot, wenn diese
zum fotografieren benutzt wurden. Eine Kamera mit Blitzlicht war hingegen
nicht schön aber geduldet.
Aber ich schweife schon wieder einmal ab. Ich bin ja nun erst am ersten Tag.
In den frühen Nachmittagstunden angekommen, wollte ja nur noch schnell,
nach der Tourtor der ersten K.O. Runde, meine versprochenen Informationen
und die verbilligten Tickets für die öffentlichen Verkehrsmittel
und für die Schacholympiade käuflich erwerben. Es war ja nun Sonntag
und mit zusätzlichen Besuchern war wahrscheinlich nicht zu rechnen. So
wurde die Kasse nun pünktlich für uns und die andere Öffentlichkeit
um 14:00 Uhr geöffnet. Wie der Schachspieler kombiniert, war es wohl
nicht möglich, die vielen, schon am Sonnabend Abend vorbestellten, Kombitickets,
auszudrucken und schon gar nicht möglich, die Schlangen der Deutschland-
Cup Teilnehmer von den eigentlichen Besuchern zu trennen. So versammelten
sich ca. 500 Interessenten vor der Kasse und versuchten ihre legale Zutrittsberechtigung
oder die Tickets für die öffentlichen Verkehrsmittel zu bekommen.
Nach viel Tumult und Aufruhr konnte ich durch gute Beziehungen, schlicht vordrängeln,
und nun doch pünktlich noch zum Imbissstand. Ich wollte nur eine Kleinigkeit,
bevor ich nun die ?Großen? spielen sehen durfte. Aber na ja, hat nun
leider nicht geklappt, da weder Bratwürste noch Bockwürste, ganz
zu schweigen von Besteck, zu bekommen waren und ich völlig frustriert
in die große Stadt fuhr, um mich mit Fastfood einer bekannten Kette
am Leben zu erhalten und dann einigermaßen gestärkt ins Kampfgeschehen
zu stürzen.
Jetzt war erst mal alles toll. Klasse Spiele, alles war nun völlig entspannt,
die Kommentierung der Partien und der hautnahe Kontakt zu seinen Idealen und
endlich ein wenig Zeit zum plaudern. Die Teilnehmer der Olympiade sind eben
doch was besseres. Doch da waren ja noch die vielen Nebenveranstaltungen,
an welchen ich ja teilnehmen wollte. Es kommt ja doch nicht alle Tage vor,
dass man die richtig wichtigen Leute und interessante Gesprächspartner
auf einem Haufen hat. Aber da waren sie wieder, meine berühmten 3 Probleme.
Wo findet wann mit wem was statt? Berichte vom Vortag, kein Problem. Rumlaufen
und kucken, ging auch! Aber eine gewisse Koordination wäre schön
gewesen. ?Ganz toll? fand ich im Übrigen, den Presse- und Informationsraum
im Bereich der Chessbase. Die Themen waren sehr interessant, hörten sich
zumindest toll an, doch die wenigen Gesprächspartner oder Diskussionsteilnehmer
wurden entweder ignoriert oder missverstanden. Manchmal hatte ich das Gefühl
bei einer großen Werbeveranstaltung dabei zu sein, ohne das der Kern
der eigentlichen Diskussions- bzw. Informationsveranstaltung berührt
oder besprochen wurde. Schade war auch, daß viele, von den wenigen,
Informationen, welche wir am Anfang des Tages, vor Turnierbeginn, erhielten,
schlicht falsch oder missverständlich waren. Als Beispiel sei die Möglichkeit
zur Anfertigung einer Karikatur durch den Guinnessbuchrekordhalter im Schnellzeichnen,
Stefan Popa, erwähnt, welcher sich nun völlig unmotiviert einer
Schlange unberechtigter Antragsteller gegenübersah und Turnierteilnehmern
mit Kärtchen gern den Vortritt gab.
So nun noch ein kleines I- Tüpfelchen zum Schluss. Natürlich gab
es die versprochene ?wertvolle Erinnerungsgabe? in Form eines DIN A5 Umschlages
in den letzten Minuten des letzten Spiels im Deutschland- Cup, welchen viele
völlig frustrierte Spieler, wenn sie denn noch vor Ort waren, nur mit
Widerwillen annahmen oder einfach liegen ließen. So nahmen genau jene
etwas mit, was man zu Hause vielleicht auch vorzeigen kann. So war die Schreibunterlage
der Olympiade das mindeste, was die Teilnehmer, wenn sie schon keine Teilnahmeurkunde
oder ähnliches bekamen, mitnehmen wollten. Man hatte wohl auch dafür
keine richtige Zeit eingeplant, um eine angemessene Siegerehrung durchzuführen.
Da wurden dann Sponsoren und andere wichtige Leute kurz mal nach oben gezerrt,
stellten sich kurz vor und mussten dann leider wieder gehen!? Und was bleibt
nun?
Vom 15.11. bis 21.11.2008 nahm auch unser Verein mit je einem Qualifikanten
in der 1400er und 1600er DWZ Gruppe am völlig unvorbereiteten Deutschland-
Cup teil. Wenn wir nicht zufällig ein paar ?alte Kumpels? aus dem Heimatland
getroffen hätten, wären wir wohl auch schon vorzeitig wieder abgereist.
Was für meinen Teil bleibt, ist die wahrscheinlich einmalige Gelegenheit
bei der Schach- Olympiade dabei gewesen zu sein. Aber was soll's; ein guter
Film braucht nun mal Statisten. Umfangreiche Informationen findet ihr bei
chessbase.de oder deutschlandcup.org
Carsten Stelter
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